Montag, 16. Mai 2016

FERNWIRKUNGEN

WO DIE GEFAHR WÄCHST

Über eine kürzlich erschienene Anthologie neuer griechischer Lyrik
und zwei Gedichte von Anna Griva

Ein Gedicht kann man nicht nacherzählen. Bestenfalls lässt sich der Moment vergegenwärtigen, in dem man darauf gestoßen ist und davon elektrisiert wurde. Die Begegnung mit der 1986 in Athen geborenen Schriftstellerin Anna Griva hatte Ereignischarakter. Der Sturz in ihre Gedichte war zugleich ein sehr persönlicher und zutiefst europäischer Moment. Inmitten einer Welle der Re-Nationalisierung und der allgemeinen Zuspitzung der Lebensverhältnisse wurde eine ferne Stimme hörbar, die man seit jeher zu kennen meint.

Anna Grivas Gedicht 'Silk Pure Silk' (Μετάξι ολομετάξι) versetzt seine Leser unversehens in eine provisorische Athener Behausung. Darin agieren Leute, die jenen aus meinem sozialen Umfeld stark ähneln und die ebenso verzweifelt versuchen, den täglichen Betrieb aufrecht zu erhalten. In Athen läuft es noch grundsätzlicher ab: jeden Moment könnte der Strom abgestellt werden, aus dem Wasserhahn dringen sonderbare Geräusche, das Wasser bleibt aus. In einer dieser Wohnungen kommt es zu einer Interaktion zwischen Mensch und Stubenfliege:

I catch a fly in my hands
the anguish of her wings tickles me
if I squeeze a little she dies
if I slacken she gets away
it‘s best I keep still (…)

It‘s best I keep still. – Innehalten, ins Leere sprechen angesichts einer vagen Gefahr, deren konkrete Ausformungen man noch nicht kennt. Die Leser werden Zeugen der unwillkürlichen Einfühlung in ein panisches Insekt. Dem durchschnittlichen Mitteleuropäer könnte dazu Franz Kafkas Verwandlung einfallen, aber Anna Grivas Mutation ist weniger Raum füllend, weniger dramatisch. Sie ist flüchtig, beiläufig wie fast alles, was man alltäglich tut.

Im Mittelteil des Gedichts kommt es zu zwei Anrufungen. Sie sind an eine biblische und an eine mythologische Frauengestalt gerichtet, an Dorkas/Tabita und eine Mänade.
Dorkas ging als Ikone der unerschöpflichen Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft in die Geschichte, die Apostelgeschichte (9,36) ein: "In Joppe lebte eine Jüngerin namens Tabita, das bedeutet: Gazelle. Sie tat viele gute Werke und gab reichlich Almosen…" Die Mänaden waren aus anderen Hölzern geschnitzt. Sie standen im Nahverhältnis zu Dionysos und begleiteten die ihm gewidmeten Umzüge. Dabei trugen sie Reh- oder Pantherfelle und verfielen häufig in Raserei. Was in ihnen oder um sie herum bebte, war zu stark um ruhig bleiben oder strukturiert sprechen zu können.

Was tun? Die Hand öffnen, sodass die Handfläche für die Fliege zur Startpiste wird, oder die Muskeln zusammenziehen? Die Fliege aus Anna Grivas Gedicht bleibt unbehelligt. Benommen flattert sie los, geradewegs in den nächst größeren Käfig, in das Raumvolumen, das beide, die Fliege und das dichterische Ich, in sich einschließt. Wenn dieses Zimmer eine Faust ist, was wird es/sie tun, sich zusammenziehen oder öffnen? Ungleiche Gefangene teilen eine Ungewissheit… – to decorate together the night‘s inevitable gordle.

Das unvermeidliche Korsett der Nacht. – Die (An-)Verwandlung ist vollzogen. Während sie bei Kafka noch eine singuläre Erscheinung war, die aus der Sicht einer Disziplinargesellschaft beschrieben wurde, handelt es sich hier um blitzartige Mikro-Mutationen im prekären Jetzt. Sie ereignen sich unter kontrollgesellschaftlichen Bedingungen, wo jeder Einzelne in Personalunion als sein eigener Polizist, Ankläger und Richter auftritt und das globale Scheitern willfährig auf das persönliche Schuldkonto verbucht.

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Karen Van Dyck, Herausgeberin der Anthologie 'Austerity Measures', die auch einige Gedichte von Anna Griva enthält, hat den aktuellen Zustand Griechenlands in einem Essay für The Guardian so zusammengefasst: Hunger, Arbeitslosigkeit, immer weiter gekürzte Pensionen und ruinierte Läden. Strom- und Wasserknappheit haben einen Level erreicht, den man sonst nur aus Kriegsgebieten kennt. Mehr als 27% der Griechen sind beschäftigungslos, 55% der jungen Leute haben das Land verlassen, um im Ausland ein Auskommen zu finden. Im Jahr 2014 wuchsen vier von zehn Kindern in Armut auf: "Die Staatsschulden sind die höchsten in Europa, mehr als 180% des BIP, und die Sparmaßnahmen lassen den Verbleib in der Eurozone ebenso unmöglich erscheinen wie den Ausstieg aus der gemeinsamen Währung. Die Notwendigkeit schneller Antworten wirft die Wählerschaft in politische Extreme. Gebrochene Versprechen und Korruption bringen auf allen Seiten unbegründete Anklagen und Fatalismus hervor."

Griechenland ist ein Modellfall für europäischen Binnenkolonialismus geworden. Jeder Bankrott im Land lässt andernorts die Kassen klingeln. Ein Zehn-Millionen-Menschen-Staat fungiert als Versuchskaninchen, an dem ausgetestet wird, wie weit ein zynisches Wirtschaftssystem gehen kann. Die Generation der Zwanzigjährigen und ihre jüngeren Geschwister müssen sich auf Zukunftslosigkeit einstellen. Das fällt ihnen naturgemäß nicht leicht.

Austerity Measures – Die Maßnahme und das Maßnehmen. An welches Maß will man sich halten? Hier trifft die Unverhältnismäßigkeit der Finanzwirtschaft und ihrer Institutionen auf ein altes Wissen über Proportion und Rhythmus. Die ,Maßnahmen‘ im Titel meinen beides, den Verlauf staatlicher Eingriffe und vor allem die poetischen Strategien, die ihnen entgegen gesetzt werden können: das Versmaß, der Rhythmus, die Vielfalt der Relationen, die sich aus dem Zusammenspiel von Einzelteilen im Bezug auf ein Ganzes ergeben…

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Im Ameisenstaat lässt sich schwerlich denken… – In Anna Grivas Gedicht 'The Ant‘s Lesson' (το μάθημα των μυρμήγκιων) sind es gleichgeschaltete Ameisenverbände, die sich durch den Leser hindurch ihren Weg bahnen. Hier geht es um eine andere Art der Verwandlung, um eine kollektive, massenhafte, scheinbar unausweichliche Tier-Werdung. (Jedes Gedicht von Anna Griva nimmt Bezug auf tierische Mitbewohner.) Es führt in eine Welt, in der es nur noch um das reine Überleben geht; wo alle Menschen aus Dauererschöpfung heraus agieren und keine Ressourcen, wofür auch immer, übrig bleiben. Es ist ein Lebensrhythmus, in dem es keine klärende Leerstelle mehr gibt. Leben unter Bedingungen des Austeritäts-Edikts.

"Tag und Nacht sehe ich von Arbeit zerstörte Menschen. Erschöpfte, verängstigte Menschen. Sieht ganz so aus, als ob man ohne Angst nicht mehr arbeiten könnte. Sieht ganz so aus, als ob man nicht dafür bezahlt würde, dass man sich eine Existenz schafft, sondern dafür, dass man Angst hat…" – So hat es Grivas Schriftstellerkollege Christos Ikonomou ausgedrückt.

Anna Grivas Gedicht endet auf einen Mänaden-Tanz: Wenn man schon nicht denken kann, kommt tanzen am besten. Unter dem fiesen "Gelächter bitterer Verzweiflung" die gesamte verfügbare Restkraft zusammennehmen und spontane Bewegungsskizzen in den Raum zeichnen… – etwas wie Offenheit herstellen…

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Ferne Stimme. – „Ich lauschte ihr, dann fürchtete ich, sie nicht mehr zu vernehmen, die zu mir spricht oder mit sich…“ – Yves Bonnefoy hat diese Stimme, von der sich kaum sagen lässt, ob sie aus dem tiefsten Inneren oder aus weitester Ferne kommt in 'Die gebogenen Planken' (Les planches courbes) als kindliche Kraft und unwillkürlichen Rückgriff auf ein erstes "Umfangen der Welt" gezeigt. Vielleicht ist sie auch nur das Feuer, das in den Augen lodert und das sich nicht durch widrige äußere Umstände abdämpfen lassen will.

Karen Van Dycks Anthologie schärft das Sensorium für leise Gegenkräfte, Gegenentwürfe, die sich in diesen kleinen poetisch-häretischen Verdichtungen aus Sprache manifestieren. Die Beispiele aus der Anthologie sind Kraftspeicher, die ihre Potenziale blitzartig auf die Empfänger übertragen. Aus ihnen hört man die dichterischen Vorfahren sprechen – von Sappho und Alkaios über Konstantinos Kavàfis (Cavafy) bis zu Jenny Mastoraki –, deren je eigener Ton sich mit den Sprechweisen und Geräuschen der wahnwitzigen Krisenwelt des 21. Jahrhunderts vermischt.

Dichtkunst ist immer international. Sie kann nicht anders. Die territoriale Logik bleibt ihr zwangsläufig fremd. Sie ist Rhythmus, groove, der sich nicht an künstlich gezogene Grenzen hält. Die Gegensätze zwischen nah/fern, fremdartig/vertraut etc. hat sie seit jeher unterlaufen. Wer sich mit ihr konfrontiert, macht eine eigentümliche Erfahrung: Menschen in unmittelbarer Nähe, die denselben Reisepass in der Jackentasche tragen und einen Teil ihrer Informationen aus denselben regionalen Medien beziehen, lösen mitunter nur noch Befremden oder ungläubiges Staunen aus. Aber es gibt eben auch diese anderen, zum Teil längst verstorbenen Geister, die einem über raumzeitliche Distanzen hinweg Feuer geben.

Europa ist neu zu erfinden, daran führt kein Weg vorbei. Dieses andere Europa zeichnet sich vorläufig nur in vagen Umrissen ab. Die junge griechisch-europäische Lyrik lässt es diskret anklingen…

Bernhard Kellner

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Griva_Ants_Anfang

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Literatur

Karen Van Dyck, Austerity Measures: The New Greek Poetry, London: Penguin Books, 2016.

Anna Griva, Έτσι είναι τα πουλιά / So Are The Birds. Gedichte; aus dem Griechischen von Yannis Goumas, Athen: Gabrielides, 2015.

Yves Bonnefoy, Die ferne Stimme in: Die gebogenen Planken. Gedichte; aus dem Französischen von Friedhelm Kemp, Stuttgart: Klett-Cotta, 2004.

Christos Ikonomou, Warte nur, es passiert schon was. Erzählungen aus dem heutigen Griechenland; aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand, München: C.H. Beck, 2013.

Constantin Cavàfis, Choix de poèmes, traduit par Michel Volkovitch; Athènes: Aiora, 2015.

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Galerie 1, 2 + Salon

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In Kooperation mit Landessammlung NÖ, Medienwerkstatt Wien und Kunsttankstelle Ottakring

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation zu Eva Brunner-Szabos Werk

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In der Poesie ist immer Krieg. Nur in Epochen gesellschatlichen Idiotismus tritt Friede oder Waffenruhe ein. Wortstammführer rüsten wie Heerführer zum wechselseitigen Kampf. Wortwurzeln bekriegen sich in der Dunkelheit, jagen sich gegenseitig die Nahrung ab und die Säfte der Erde. (…)

Ossip Mandelstam, Notizen über Poesie (1923)

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